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Auszug:  2000 - Auch Ich... - Autobiographie
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Die Mutter war Ungarin, der Vater Pole. Beide waren Juden und
lebten in Berlin. Sie lebten nicht schlecht, denn sie besaßen
zwei Geschäfte. In denen wurden Rauchwaren verkauft. Das
änderte sich, als 1933 die Nazis in Deutschland an die Macht
kamen.

1936 schickten die Leiners ihre drei Töchter vorsichtshalber in
die Schweiz. Sie selbst betrieben von Berlin aus die Emigration
in die USA. Ihre Papiere auf den Namen Heinz und Louitschika
Leiner lagen endlich vor, nur die für die drei Kinder fehlten
noch...

Die Nazis wiesen das Ehepaar nach Polen aus, ehe alle
Einwanderungsunterlagen eingetroffen waren. Aus Polen kam
wöchentlich einmal Post ins Kinderheim in Teufen in der
Schweiz. 1942 brach die Korrespondenz aus Krosno ab. Wenig
später starben die Eltern und andere Verwandte in Auschwitz
im Gas.

1998 erhielt Vera Isler aus dem Nachlaß ihrer ältesten
Schwester Adele achtzig Briefe ihrer Eltern. Damals waren sie
ihr vorenthalten worden. Vera Isler konnte ihre Schwester nicht
mehr fragen, warum sie so gehandelt hatte. Es bleibt
Spekulation.

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wurde die
international tätige Fotografin auf diese Weise mit dem Mord
an ihrer Familie neuerlich konfrontiert. In der selben Zeit
erkrankte sie an Brustkrebs. Nach der Brustoperation ließ sich
Vera Isler trotzig blaue Blumen auf die Narben tätowieren. Und
sie begann ihre Autobiographie zu schreiben.

New York 1980 bedeutete eine Zäsur. Die vielseitig
künstlerisch tätige Vera Isler lief mit ihrer damals 16jährigen
Tochter Kate Rollschuh im Central Park, stürzte und brach sich
das Handgelenk. >>Das einzige, was ich noch konnte, war den
Auslöser meiner Kamera zu drücken<< Das tat die
Autodidaktin reichlich und mit wachsendem Erfolg. Sie
dokumentierte die ersten Schwulen - und Lesbenparaden in
Los Angeles und San Francisco und kam damit in die
Schweizer Presse. Fortan arbeitete sie für Illustrierte und
Magazine. Es kamen die ersten Fotobücher. Den Band mit
Porträts von über 80jährigen Menschen wollte zunächst kein
Verlag publizieren. In einer Zeit des offenkundigen
Jungendkults hielt man die Gesichter von Greisen für
unverkäuflich. - Allen Ablehnungen zum Trotz wurde der Titel
ein Bestseller in der Schweiz.

Nicht minder erfolgreich war der Band "Face to Face" mit
Künstlerporträts in Schwarzweiß. Auch wenn das Buch
erschienen ist, läuft das Projekt weiter. Inzwischen ist die
Kollektion auf über 150 großformatige Bilder angewachsen.
Die Tafeln mit den Maßen 120 mal 165 cm wandern durch die
Galerien und Museen in Europa und Amerika. Vera Isler hatte
vor ihrer Nikon bedeutende Künstler: Baselitz, Beuys, Louise
Bourgeois, Botta, Christo, Fetting, Hopper, Jasper Johns, Koon,
Annie Leibovitz, Lichtenstein, Lüpertz, Nam June Paik, Penck,
Rauschenberg, Pipilotti Rist, Tapies, Tuttle, Wegmann, Andrea
Zittel...

Auszug (Excerpt) - Kapitel 1.

   Papa hält mich auf seinen Armen, mitten in Berlin,
mitternachts. Er in seinem beige-weißen, oder war es ein blau-
weiß gestreifter Pyjama? Ich bin in eine Decke eingekuschelt
und schaue in die schwarze, regnerisch dunkle Nacht. Das ist
die Hauptsache: Ich bin bei Papa.
    Warum nur wirkt alles so gehetzt? Papa wartet auf ein Taxi.
Im Pyjama? Warum?
    Keinerlei Erinnerung mehr.
    Daß man mir den Magen ausgepumpt habe, erzählen mir
meine Geschwister später. Meine Erinnerung spielt verrückt.
Deutlich sehe ich mich im Kinderbett sitzen, so eines mit
Stäbchen, um nicht rauszupurzeln. Wir drei schliefen alle im
gleichen Zimmer: Adele, die Älteste, Judith, die Mittlere, und
ich, Vera, das Nesthäkchen, das "Bebele".
    Bestimmt wollte ich nicht gleich schlafen, als uns Papi und
Mutti den Gutenachtkuß gaben. Sie gingen weg. Irgend jemand
- war es das Kindermädchen, Dely oder Judy? - gab mir ein
ominöses Röhrchen zum Spielen in mein Kinderbett. Ich
konnte es schütteln, lärmen, drehen und kehren und -
schließlich öffnen. Der Inhalt muß lecker gewesen sein, ich sei
selig eingeschlafen...
    Jetzt liege ich auch im Bett, 60 Jahre später. Starre an die
Decke. Bin eben erst richtig erwacht aus einer langen Narkose.
Probiere meine Gedächtnisfetzen zusammenzupuzzeln. Ich
bewege meine Füße unter der Bettdecke. Das geht. Bewege die
Finger einzeln. Okay. Arme heben ist bereits mühsamer.
Aufsitzen kann ich nicht. Mein ganzer Brustkasten ist
einbandagiert.
    Klar und deutlich nistet sich das Wissen ein.
    Man hat mir was abgeschnitten. Ratzekahl. Würde ein Mann
"abschneiden" sagen, würde ich sofort an seinen Penis denken.
Bei mir ist es ja nur der Busen samt Nippel. Beide einfach weg.
    Am nächsten Morgen: Zwei grauslich dicke, etwa vierzehn
Zentimeter lange, rote Nahtwülste ziehen sich über den
Brustkorb.
    Wer schreibt nur immer so beschwichtigend, daß man
heutzutage die Brüste viel schonender und meist nur teilweise
operieren müsse? Zufällig bin ich bei den 20 Prozent mit der
schlechteren Risikorate. Habe noch nie Glück gehabt bei
Lotterielosen - warum sollte ich jetzt, wo's ums "Läbige" geht,
mehr Glück haben?
    Mir blieb gar nichts anderes übrig als zuzustimmen.
    Mal schaun, wie's weiter geht, und hoffen. Unkraut verdirbt
nicht so schnell. Toi, toi, toi.
    Verdammt, leider, das Gedächtnis läßt sich nicht so leicht
wegsezieren. Vor wenigen Monaten starb Adele. Sie hatte ein
langes, zähes Sterben hinter sich bringen müssen. Hodgkin,
ein Lymphdrüsenkrebs, acht Jahre lang. Am Ende war ihr
Körper voller Metastasen und ihre Lunge mit Wasser so gefüllt,
daß sie nur noch keuchend sprechen konnte. Ihre Tochter
umsorgte sie jahrelang liebevoll, doch Adele plagte die
Vergangenheit. Judiths Vergangenheit, meine Vergangenheit.
    Ich kann es nicht fassen, nicht verstehen. Jetzt erst, nach
meiner Schwester Tod, liegt ein Riesenpacken von Briefen
meiner Eltern und Verwandten auf meinem Spitalbett, datiert
ab 1936.
    Eveline, die Tochter meiner Schwester, hatte mir die
kostbaren Briefe nach dem Tod ihrer Mutter gebracht.
    Immer wieder hatte ich kleine Episoden, Erinnerungsfetzen
mit meinen Schwestern ausgetauscht, lächerlich kleine visuelle
Begebenheiten. Es gab deshalb mitunter sogar Streit. Beide
Schwestern schimpften mich eine Phantastin, ich sei eine
unmögliche Besserwisserin. >>Erstens: Unmöglich, daß du,
damals, eine Göre zwischen drei und vier Jahren, dich daran
erinnern kannst. Zweitens: Du bist nie in Polen gewesen.<<
    Die beiden waren einige Male zu Verwandten unserer Mutter
nach Ungarn gereist, aber nie nach Polen.
>>Nein, und du auch nicht.<<
            Auszug Publikationen:
1982 - Bildband "Kunst der Verweigerung"*,
            Graffitis in Schweizer Jungendzentren
1986 - Bildband "Schaut uns an"*,
            Porträts von Menschen über 80ig.
1987 - Bildband "Mäss auf dem Petersplatz"
1988 - Bildband "Spitzen-Plätze"*, (Porträts der Schweizer Elite
Bücher
Januar 2000: Einblicke -
Ausblicke - Hoffnungen
Das letzte gemeinsame Bild der
Schwestern Adele, Judith und
Vera, 1994
Familienfoto in Budapest um
1919.Von links nach rechts:
Louise Reichmann und ihre
Eltern Minna und Salomon
Reichmann sowie Bruder
Leibisch
Berlin 1936, vor der Abreise
in die Schweiz: Adele (11),
Vera (5) und Judith (9
Die Eltern 1922: Louise Leiner,
geborene Reichmann,
Jahrgang 1902, und Heinz
Leiner, Jahrgang 1901