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1982 - Bildband "Kunst der Verweigerung"*,
Graffitis in Schweizer Jungendzentren
1986 - Bildband "Schaut uns an"*,
Porträts von Menschen über 80ig.
1987 - Bildband "Mäss auf dem Petersplatz"
1988 - Bildband "Spitzen-Plätze"*, (Porträts der Schweizer Elite)
1992 - Bildband "Rollenwechsel", Fotografenporträts
1992 - Bildband "Face to Face", Künstlerporträts
1995 - "Mario Botta, Bank am Aeschenplatz Basel"*
2000 - Auch Ich... - Autobiographie
Textseiten 192, Fotoseiten 28, Format 13 x 22cm
gebunden, Verleger Berlin Ost, publ.
Die Mutter war Ungarin, der Vater Pole. Beide waren Juden und lebten in Berlin. Sie lebten nicht schlecht, denn sie besaßen
zwei Geschäfte. In denen wurden Rauchwaren verkauft. Das änderte sich, als 1933 die Nazis in Deutschland an die Macht kamen.
1936 schickten die Leiners ihre drei Töchter vorsichtshalber in die Schweiz. Sie selbst betrieben von Berlin aus die Emigration in die USA. Ihre Papiere auf den Namen Heinz und Louitschika Leiner lagen endlich vor, nur die für die drei Kinder fehlten noch...
Die Nazis wiesen das Ehepaar nach Polen aus, ehe alle Einwanderungsunterlagen eingetroffen waren. Aus Polen kam wöchentlich einmal Post ins Kinderheim in Teufen in der Schweiz. 1942 brach die Korrespondenz aus Krosno ab. Wenig später starben die Eltern und andere Verwandte in Auschwitz im Gas.
1998 erhielt Vera Isler aus dem Nachlaß ihrer ältesten Schwester Adele achtzig Briefe ihrer Eltern. Damals waren sie ihr vorenthalten worden. Vera Isler konnte ihre Schwester nicht mehr fragen, warum sie so gehandelt hatte. Es bleibt Spekulation.
Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Holocaust wurde die international tätige Fotografin auf diese Weise mit dem Mord an
ihrer Familie neuerlich konfrontiert. In der selben Zeit erkrankte sie an Brustkrebs. Nach der Brustoperation ließ sich Vera Isler trotzig blaue Blumen auf die Narben tätowieren. Und sie begann ihre Autobiographie zu schreiben.
New York 1980 bedeutete eine Zäsur. Die vielseitig künstlerisch tätige Vera Isler lief mit ihrer damals 16jährigen Tochter Kate Rollschuh im Central Park, stürzte und brach sich das Handgelenk. >>Das einzige, was ich noch konnte, war den Auslöser meiner Kamera zu drücken<< Das tat die Autodidaktin reichlich und mit wachsendem Erfolg. Sie dokumentierte die ersten Schwulen - und Lesbenparaden in Los Angeles und San Francisco und kam damit in die Schweizer Presse.
Fortan arbeitete sie für Illustrierte und Magazine. Es kamen die ersten Fotobücher. Den Band mit Porträts von über 80jährigen Menschen wollte zunächst kein Verlag publizieren. In einer Zeit des offenkundigen Jungendkults hielt man die Gesichter von Greisen für unverkäuflich. - Allen Ablehnungen zum Trotz wurde der Titel ein Bestseller in der Schweiz.
Nicht minder erfolgreich war der Band "Face to Face" mit Künstlerporträts in Schwarzweiß. Auch wenn das Buch erschienen ist, läuft das Projekt weiter. Inzwischen ist die Kollektion auf über 150 großformatige Bilder angewachsen. Die Tafeln mit den Maßen 120 mal 165 cm wandern durch die Galerien und Museen in Europa und Amerika. Vera Isler hatte vor ihrer Nikon bedeutende Künstler: Baselitz, Beuys, Louise Bourgeois, Botta, Christo, Fetting, Hopper, Jasper Johns, Koon, Annie Leibovitz, Lichtenstein, Lüpertz, Nam June Paik, Penck, Rauschenberg, Pipilotti Rist, Tapies, Tuttle, Wegmann, Andrea Zittel...
Auszug (Excerpt) - Kapitel 1.
Papa hält mich auf seinen Armen, mitten in Berlin, mitternachts. Er in seinem beige-weißen, oder war es ein blau-weiß gestreifter Pyjama? Ich bin in eine Decke eingekuschelt und schaue in die schwarze, regnerisch dunkle Nacht. Das ist die Hauptsache: Ich bin bei Papa.
Warum nur wirkt alles so gehetzt? Papa wartet auf ein Taxi. Im Pyjama? Warum?
Keinerlei Erinnerung mehr.
Daß man mir den Magen ausgepumpt habe, erzählen mir meine Geschwister später. Meine Erinnerung spielt verrückt. Deutlich sehe ich mich im Kinderbett sitzen, so eines mit Stäbchen, um nicht rauszupurzeln. Wir drei schliefen alle im gleichen Zimmer: Adele, die Älteste, Judith, die Mittlere, und ich, Vera, das Nesthäkchen, das "Bebele".
Bestimmt wollte ich nicht gleich schlafen, als uns Papi und Mutti den Gutenachtkuß gaben. Sie gingen weg. Irgend jemand war es das Kindermädchen, Dely oder Judy? gab mir ein ominöses Röhrchen zum Spielen in mein Kinderbett. Ich konnte es schütteln, lärmen, drehen und kehren und schließlich öffnen. Der Inhalt muß lecker gewesen sein, ich sei selig eingeschlafen...
Jetzt liege ich auch im Bett, 60 Jahre später. Starre an die Decke. Bin eben erst richtig erwacht aus einer langen Narkose. Probiere meine Gedächtnisfetzen zusammenzupuzzeln. Ich bewege meine Füße unter der Bettdecke. Das geht. Bewege die Finger einzeln. Okay. Arme heben ist bereits mühsamer. Aufsitzen kann ich nicht. Mein ganzer Brustkasten ist einbandagiert.
Klar und deutlich nistet sich das Wissen ein.
Man hat mir was abgeschnitten. Ratzekahl. Würde ein Mann "abschneiden" sagen, würde ich sofort an seinen Penis denken. Bei mir ist es ja nur der Busen samt Nippel. Beide einfach weg.
Am nächsten Morgen: Zwei grauslich dicke, etwa vierzehn Zentimeter lange, rote Nahtwülste ziehen sich über den Brustkorb.
Wer schreibt nur immer so beschwichtigend, daß man heutzutage die Brüste viel schonender und meist nur teilweise operieren müsse? Zufällig bin ich bei den 20 Prozent mit der schlechteren Risikorate. Habe noch nie Glück gehabt bei Lotterielosen - warum sollte ich jetzt, wo's ums "Läbige" geht, mehr Glück haben?
Mir blieb gar nichts anderes übrig als zuzustimmen.
Mal schaun, wie's weiter geht, und hoffen. Unkraut verdirbt nicht so schnell. Toi, toi, toi.
Verdammt, leider, das Gedächtnis läßt sich nicht so leicht wegsezieren. Vor wenigen Monaten starb Adele. Sie hatte ein langes, zähes Sterben hinter sich bringen müssen. Hodgkin, ein Lymphdrüsenkrebs, acht Jahre lang. Am Ende war ihr Körper voller Metastasen und ihre Lunge mit Wasser so gefüllt, daß sie nur noch keuchend sprechen konnte. Ihre Tochter umsorgte sie jahrelang liebevoll, doch Adele plagte die Vergangenheit. Judiths Vergangenheit, meine Vergangenheit.
Ich kann es nicht fassen, nicht verstehen. Jetzt erst, nach meiner Schwester Tod, liegt ein Riesenpacken von Briefen meiner Eltern und Verwandten auf meinem Spitalbett, datiert ab 1936.
Eveline, die Tochter meiner Schwester, hatte mir die kostbaren Briefe nach dem Tod ihrer Mutter gebracht.
Immer wieder hatte ich kleine Episoden, Erinnerungsfetzen mit meinen Schwestern ausgetauscht, lächerlich kleine visuelle Begebenheiten. Es gab deshalb mitunter sogar Streit. Beide Schwestern schimpften mich eine Phantastin, ich sei eine unmögliche Besserwisserin. >>Erstens: Unmöglich, daß du, damals, eine Göre zwischen drei und vier Jahren, dich daran erinnern kannst. Zweitens: Du bist nie in Polen gewesen.<<
Die beiden waren einige Male zu Verwandten unserer Mutter nach Ungarn gereist, aber nie nach Polen. >>Nein, und du auch nicht.<<
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